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Nandine und der Hain


Aus dem Tagebuch einer Bambusspezialistin

Nandine Flores saß bei unserer ersten Begegnung vor ihrem Haus in Vilcabamba an einem etwa 4 m langen Tisch und legte Patiencen. Sie hatte noch nie von mir gehört und wusste nicht, dass ich Sie besuchen werde. Ich wusste nicht, was diese Begegnung für mich bedeuten wird. Sie gab mir das Gefühl, ein willkommener Gast zu sein. Noch am gleichen Abend stand ich mitten in ihrer Geschichte, das heißt in ihrem Haus. Es war nicht wirklich ein Haus, es war vielmehr ein riesiges Dach, das aus 12 Pfeilern wuchs, die sich immer weiter verzweigten. Unter dem Dach befanden sich mehrere Kuben, aufeinander oder nebeneinander gestapelt, manchmal war Abstand zwischen den Kuben, andere schienen ineinander verschachtelt zu sein. Die Konstruktion des Daches war aus Bambus, die Kuben aus Lehm oder Glas. Man hatte bei dem Gebäude das Gefühl, als ob es kein Innen oder Außen gäbe, als ob man sich in etwas bewegte, das ein Teil von etwas Größerem war. Im Zentrum des Gebäudes befand sich ein quadratischer Raum, man hatte von allen Himmelsrichtungen aus Zugang, es war, als verschwand man in eine andere Welt, denn außer sich selbst hörte man in diesem Raum nichts. Der Raum war voll von Notizbüchern und bald erkannte man, dass die Notizbücher chronologisch geordnet waren. Noch etwas später wurde einem klar: die Chronologie unterlag einem System.

Nun stand ich mitten in diesem Raum, im Zentrum ihrer Geschichte und das einzige was sie zu mir sagte, war, dass dies ihr Erbe an mich sei. Ich wurde immer wieder gebeten, die Tagebücher in Bezug auf Nandines Forschungen auszuwerten, der Mythos um ihre Person als älteste lebende Bambusspezialistin ist legendär, doch ein großer Teil ihrer Faszination liegt in ihren universalen Ansichten.

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"Mit dem Tod meiner Väter begann ich, mein Leben als Experiment zu sehen und als solches zu dokumentieren. Erst später wurde mir klar, dass das ein radikaler Vorgang ist, denn ein Experiment kann gelingen. Die Chance dass es scheitert ist aber wesentlich höher."

"Ich weiß, dass die Natur klare Bedürfnisse äußert, dass sie zeigt ob es ihr gut oder schlecht geht und dass sie eine Sprache besitzt, die mit unglaublicher Erfahrung, sogar mit Humor, und für Einzelne äußerst grausam, von präzise organisierten Möglichkeiten des Zusammenlebens erzählt."

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"Glück Nr.1 für den Bambus ist, dass es diesen Kreislauf für diese Pflanze nicht gab.
Bambus liegt, global gesehen, als Nahrungsmittel eher am Rand des Tellers. Im Vergleich zu Mais oder Zuckerrohr ist Bambus eher gemütlich unterwegs. Das zumindest gilt, wenn man das Wachstum eines Mais- und eines Bambussamens miteinander vergleicht. Dem Bambus fehlt der "Turbolader", welchen es so genannten C4 Pflanzen ermöglicht, mit mehr Licht mehr CO2 umzusetzen. Das System von Monokulturen mit C4 Pflanzen beruht darauf, innerhalb einer bestimmten Zeit aus dem Samen eine ertragreiche Pflanze zu züchten, zu ernten und neue Samen zu säen. Um die Sprossen oder die Halme eines Bambushains zu ernten, muss der Bambus erst selbst ein System schaffen: das dauert mindestens sechs Jahre. Ein Bambushain hat unterirdisch ein gigantisches Geflecht, die Wurzeln und Rhizome. Sie sind das Herz und das Gedächtnis des Bambus. Das Geflecht gleicht in etwa einem dichten, intelligenten Schienennetz, auf welchem eine gigantisch große Flotte aus Güterzügen, voll beladen mit CO2 fährt. Dieses Netz ist gleichzeitig Speicher und Verteiler, die Blätter und Halme versorgen das Geflecht mit Nachschub. So ist die Speichermasse immens und gleichzeitig innerhalb kürzester Zeit in großen Mengen am benötigten Ort. Dort entsteht der neue Sprössling. Er kann in ungeheueren Massen aus diesem Energiespeicher schöpfen, freut sich des Lebens und schnellt je nach Art bis zu 100cm in 24 Stunden empor - und das in voller Breite. Der Halm eines Bambusses kommt mit endgültigem Durchmesser aus dem Boden und verjüngt sich während der Wachstumsphase nach oben. Das ermöglicht ihm den immensen Energietransfer: Je dicker der Schlauch, desto mehr Wasser kann fließen."


"Glück Nr. 2 für den Bambus ist, die Pflanze wurde als Massenprodukt der ersten Welt bis dato nicht im großen Stil eingesetzt und ausgereizt. Bambus war lange Zeit ein Baustoff für Arme und gleichzeitig einer der am schnellsten nachwachsenden Rohstoffe für Baumaterialien der Welt. Trotzdem, oder gerade deswegen gibt es kaum einen natürlichen Rohstoff, der auf solch mannigfaltige Art eingesetzt werden kann, welchen man in unterschiedlichsten Anwendungsgebieten findet und dessen Geschichte von autochthon entstandenen Anwendungen eine vielbändige Enzyklopädie füllen würde. Bambus ist seit Jahrhunderten für einen großen Teil der Menschheit eines der wichtigsten Baumaterialien und ein alltägliches Helferlein."

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Auszüge aus dem nicht veröffentlichten Tagebuch von Nandine Flores.




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CHR. 89



"Betrachten wir das Verhältnis aus Lebensstandard, Produktivität, Material und Energie:

Bambus stellt im Vergleich zum durchschnittlichen Holzertrag jährlich die 2 - 12 fache Masse an Material zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. Der durchschnittliche Holzertrag liegt bei etwa 3 Tonnen, ein Hektar Bambus hat einen Ertrag von 7,5 bis 38 Tonnen Biomasse pro Hektar. Nutzen wir pro Hektar nur 6 Tonnen des Ertrages von Bambus ist das die doppelte Masse unseres jetzigen Holzertrages. Dadurch verringert sich die Nachfrage an Hölzern.

Bei gleicher Wiederaufforstung bedeutet das eine Erhöhung der globalen Biomasse - und führt unterm Strich zu besserer Luft.

Gleichzeitig bedeutet ein steigender Ertrag eine höhere Produktivität und damit einen verbesserten Lebensstandard. Da Bambushalme im Verhältnis zu ihrem Volumen sehr leicht sind, kann man aus 6 Tonnen Bambus das Tragwerk von 18 ecuadorianischen oder 3 europäischen Häusern bauen.

Der Anteil an gebundenem CO2 in einem Bambushalm entspricht 9/10 seines Gewichts. Setzen wir diesen Anteil in ein Verhältnis zu einem möglichen Ausstoß von CO2 zur Weiterverarbeitung von Bambus, kann eine Maschine einen Monat lang 8 Stunden am Tag Bambus schneiden, schälen, pressen, etc. und zusätzlich ein 60PS Auto von Bangkok aus das fertige Produkt nach Berlin liefern. Zusammengefasst können wir mit einem natürlich gedeihenden Material den Gesamtertrag von "holzartigen" Baustoffen steigern, dadurch die Produktivität erhöhen, also den Lebensstandard verbessern und das bei einer hervorragenden Gesamtenergiebilanz.

Und um das Ganze noch zu würzen, wer sein Haus aus Bambus baut, oder sich ein Möbel aus Bambus schenkt und darauf achtet, dass dieses nicht verrottet, lebt mit einem Gegenstand, der, wie kaum eine andere Nutzpflanze aus dem besteht, was täglich aus dem Auspuff seines Autos kommt."






CHR. 57 | S.19 | V134





INFO
Ausstellung | Text

2010

"Nandine und der Hain - Her mit dem neuen Denken"

Erzählung im Ausstellungskatalog und Lesebuch zur Ausstellung
"Zur Nachahmung Empfohlen - Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit"

Hrsg. Adrienne Goehler

Gespräche, Texte, Essays, Analysen
Erschienen im Hatje Cantz Verlag

Deutsch, Englisch

2010. 416 Seiten, 210 Abb., davon 186 farbig, eine Bauanleitung

ISBN 978-3-7757-2772-3

Bestellen unter: info[at]z-n-e.info

Die Publikation will dafür sensibilisieren, dass Nachhaltigkeit nicht
ohne die Künste und Wissenschaften auskommt:
Von ihnen ist das Denken in Übergängen, Provisorien, Modellen und
Projekten zu lernen. Die Grenzen zwischen künstlerischer
und technischer Kreativität, zwischen Machbarkeit und Idee werden
hierbei aufgehoben.

Auszeichnungen

Art Directors Club Award 2011
red-dot-award 2011
iF-Award